In der Ausstellung TRANSIT sind zwei Werkblöcke des Künstlers Matthias Surges zu sehen, welche beide durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft gekennzeichnet sind.

Zum einen ist es die Gruppe der monochrom lackierten Aluminiumbleche, die der Künstler durch horizontale Abkantungen zu dreidimensionalen Objekten gestaltet. Die Umformung der Fläche zum Objekt sowie der monochrome Farbauftrag sind für diese Werke ganz wesentliche Merkmale, welche die Arbeiten an der Grenzstelle zwischen Malerei und Skulptur ansiedeln. Es entstehen Bild-Objekte. Die Titel der Arbeiten, die landschaftliche Motive aufgreifen (z.B. Schiefergrau oder Tannengrün), sind der Musterkarte von RAL-Autolacken entnommen. Die Aluminiumflächen werden industriell abgekantet und lackiert und verstehen sich als eine zeitgenössische Antwort auf die historische Gattung der Landschaftsdarstellung. Ihr Erscheinungsbild wirkt durch die planen, oft glänzenden Oberflächen nüchtern und makellos. Im Gegensatz zur traditionellen Landschaftsmalerei findet sich keinerlei Farben- und Formenreichtum, sondern stattdessen eine absolute Reduktion von beiden Elementen zugunsten ganz und gar minimalistischer Farbreliefs. Durch die Faltungen entsteht bei wechselndem Lichteinfall sowie durch die Bewegung des Betrachters jedoch eine ständige Variation von Eindrücken und Ansichten. Das Spiel von Licht und Schatten eröffnet neue Räume und verleiht den gefalteten Flächen Volumen und Tiefe.

Zum anderen ist es die titelgebende Leitplankeninstallation TRANSIT, die im zentralen Galerieraum zu sehen ist. Der Begriff „Transit” oder „;Transitraum”; bezeichnet einen Durchgangsraum bzw. Übergangsbereich, der kaum Aufmerksamkeit erfährt, weil er lediglich passiert wird, um an einen anderen Ort zu gelangen. Um diese Raumbezüge geht es auch in der Installation TRANSIT von Matthias Surges.

Leitplanken lassen zunächst an Straße/ Autobahn denken, an Autos und Verkehr, vielleicht an einen Stau, während dem man neben ihnen zum Stehen kommt oder an eine Panne, nach der man laut ADAC-Weisung hinter sie zurücktreten muß. Die Vorstellung des Fahrens auf der Autobahn evoziert aber darüber hinaus das Bild des Fahrens durch eine Landschaft, eines Ausflugs, wobei das Ausflugsziel in der Regel jenseits der Leitplanke liegt. Dieser Ort existiert, ist aber zunächst das ferne Gebiet, das erst noch erreicht werden muss. Während die Autobahn einen transitorischen Raum darstellt, einen anonymen, gesichtslosen Raum, der ohne weitere Inhalte dem Reisenden als Passage zur Verfügung steht, ist der Zielort als Endpunkt ein Aufenthaltsort und - vielleicht - ein Ort, der Sehnsüchte erfüllt. Leitplanken begrenzen und schützen einen Raum, schirmen ihn ab. Hinter ihnen befindet sich von der Autobahn aus gesehen zumeist Landschaft, vielleicht Wildnis, Berge, Felder, Dörfer, Neubausiedlungen, Gewerbegebiete, Brachflächen, Flüsse, Wälder oder auch Sehenswürdigkeiten - All diese Gebiete können „zufällige”, zunächst ohne weiteres Interesse durchquerte sein, in diesem Sinne Transiträume. Dieselben Landschaftsräume können aber auch schon das angestrebte Ziel selbst sein und sich im Moment des Übergangs vom transitorischen Raum in einen Ort des Innehaltens und Verweilens verwandeln.

In der Galerie schaffen die Leitplanken neben den Assoziationen, die sie auslösen, eine Raumsituation, die zur Neuorientierung auffordert, denn Innen und Außen, Davor und Dahinter werden zur Diskussion gestellt.

Während die Skulptur haptische und faktische Qualität aufweist, kann die Installation nicht nur von Außen betrachtet werden, sie muß zusätzlich erfahren werden. Wichtig ist das Verhältnis zwischen Objekt, Umraum und Betrachter. Raumgreifend breitet sich TRANSIT im Galerieraum aus, dabei erneut einen Raum schaffend. Durch seine Platzierung stellt das Objekt einen Bezug zu seinem Umraum her und bezieht ihn mit in seine Aussage ein, denn das Werk wird bei aller scheinbaren Kontextferne bewusst in der Galerie situiert und damit an diesem Ort kontextualisiert. Das heißt, das Werk ist nicht (nur) als solches zu rezipieren, sondern erfordert eine Erfahrung, eine, wie sie der Kunsthistoriker Michael Fried 1967 in Bezug auf die minimalistische Skulptur als Erfahrung der kompletten Situation formulierte. Ohne die Mitwirkung des Betrachters bleibt TRANSIT gewissermaßen unvollständig.

Die Leitplanken formen in der Installation nahezu ein Quadrat, dabei sind sie an den Ecken offen, so dass sie aneinanderstoßen, Bewegung zulassend:

Der äußere Umgang ist teilweise fließend, teilweise aber auch beschwerlich. Der Zugang zum zentralen Raum der Galerie wird auf der linken Seite durch eine der Leitplanken scheinbar verhindert. Wie eine Blockade verbarrikadiert sie diesen Eingang. Nur der Betrachter, der sich nähert, erkennt dass er sich auf einem schmalen Pfad vorbeidrängen kann. Auf der anderen Seite gelangt man durch die zweite Tür in eine breitere Flucht, die das Umschreiten problemlos zulässt. Wie auf einer Strasse befindet man sich an der Außenseite der Leitplanke, welche die Richtung vorgibt. Hier ist man im transitorischen Raum oder auch an einem „Nicht-Ort”, der von temporärem Aufenthalt und Durchreise gekennzeichnet ist. Er ist ohne Identität, weil ihm diese von nirgends zugewiesen wird. Statt dessen dient er durch die räumliche und inhaltliche Bezuglosigkeit, die der Passagier in ihm empfindet, nur dem funktionalen Zweck zu transporierten. Das Begehen der Installation bleibt trotz einer gut passierbaren Seite beschwerlich, denn beide Längsseiten sind von sehr schmalen Durchgängen flankiert, welche nur ein Vorbeidrängen erlauben. Diese Anstrengung und vielleicht auch Unannehmlichkeit, die bis zu körperlichem Unbehagen reichen kann, auf sich zu nehmen, ist implizit, denn die Installation zu erfassen funktioniert nur, wenn man diese Hindernisse meistert, ein Begreifen auf den ersten Blick ist unmöglich. Somit stellt diese begrenzende Situation eine Herausforderung dar, deren Überschreitung eine Erfahrung bedeutet. Auf Augenhöhe aufgehängt markieren die Leitplanken den Horizont, dadurch lassen sie ein „Darunterdurch” zu, ein Passieren in den Raum dahinter, den zentralen Innenraum, den die Leitplanken formieren. Der Raum im Raum erscheint erst einmal als abgeschirmt, vielleicht verwehrt, kann aber genauso gut als geschützt und (damit) erstrebenswert interpretiert werden. Denn dieser Raum hinter der Leitplanke ist der, in den man eigentlich gelangen will, wenn man sich im transitorischen Raum bewegt. Es ist der Raum, der begehbar und erkundbar ist, der im Passieren keine Aufmerksamkeit erhält, der aber faktisch im Zentrum steht, das Ziel bedeutet. Es ist der Landschaftsraum, der während des Transits mangels Beachtung verwahrlost und unbedeutend erscheinen kann, es ist aber gleichzeitig der Naturraum, der Rückzugsmöglichkeit, Rast und Erholung verspricht. Das ersehnte Arkadien.

Die massiven Leitplanken vermitteln fast etwas Bedrohliches, einen Respekt einflößenden Eindruck, der durch die offene Anordnung gesteigert wird, denn diese ermöglicht ein langsames, sachtes aber unüberhörbares Aneinanderstoßen der Enden. Daraus entsteht ein dunkler, dumpfer Klang, der Aufmerksamkeit einfordert und zur Kontemplation einlädt. Wie in einer griechischen Tempelarchitektur ist man nach Durchschreiten der Vorhalle in der cella, dem Innersten angekommen. Hier im Zentrum der Galerie birgt der Innenraum von TRANSIT Ruhe und gemessen an den engen, schmalen und unwegsamen Bereichen der äußeren Umgrenzung auch etwas wie Sicherheit. Das Innere suggeriert immer auch etwas wie Schutz und Vertrautheit. Von hier aus kann man die Installation erfassen, ist der Bedrängnis entkommen und kann TRANSIT auf sich wirken lassen.

Matthias Surges wurde 1959 in Kirchweiler/Eifel geboren und hat von 1984-92 an der FH Kunst und Design in Köln bei Jörg Immendorff und Prof. Stefan Wewerka studiert.

Dr. Ann-Katrin Günzel, Januar 2008

 

Michael Fried: Art and Objecthood, 1967.
Marc Augé: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. FfM 1994.

 

 

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